Die ganze Welt ist ein Klassenzimmer: Mit dem Shakespeare-Lehrplan jeden Lernenden inspirieren
Für Generationen von Schülern war Shakespeare eher etwas, das man hinter sich bringen musste, als etwas, mit dem man sich identifizieren konnte. Komplexe Sprache, passives Lesen und mangelndes Selbstvertrauen standen dem oft im Weg. Aber das muss nicht so sein.
Ein neuer Ansatz im Shakespeare-Unterricht verlagert den Schwerpunkt von der Lektüre hin zur szenischen Darstellung, stellt die Schüler in den Mittelpunkt des Lernprozesses und gibt ihnen die Mittel an die Hand, den Text zu ergründen, zu interpretieren und wirklich zu verstehen.
Referenten: Fiona Ingram (Royal Shakespeare Company), Chris Nayak (Royal Shakespeare Company), Geoff Barton (RSC-Kuratoriumsmitglied, ehemaliger Generalsekretär der ASCL), Stephanie Hill (Stratford-upon-Avon-Schule)
Vom passiven Lesen zum aktiven Lernen
Im Mittelpunkt des Shakespeare-Lehrplans steht eine einfache Idee: Shakespeares Werke wurden für die Bühne geschrieben.
Anstatt still dazusitzen und vorzulesen, werden die Schüler dazu ermutigt, aufzustehen, mit Sprache zu experimentieren und durch Handeln Bedeutungen zu ergründen. Techniken aus dem Proberaum bringen Energie in den Unterricht und verwandeln den Unterricht in einen Raum, in dem die Schüler Ideen ausprobieren, Entscheidungen treffen und zusammenarbeiten.
Selbst die einfachsten Übungen können neue Erkenntnisse erschließen. Eine einzige Zeile, die mit unterschiedlichen Absichten vorgetragen wird, oder eine Szene, die eher durch Bewegung als durch Worte erkundet wird, hilft den Schülern, den Sinn auf eine Weise zu erfassen, die bei traditionellen Methoden oft zu kurz kommt.
Selbstvertrauen durch Sprachkompetenz stärken
Eines der größten Hindernisse beim Studium von Shakespeare ist das Selbstvertrauen. Viele Studierende gehen schon vor Beginn davon aus, dass sie die Sprache nicht verstehen werden.
Dieser Ansatz geht das Problem direkt über die mündliche Ausdrucksfähigkeit an. Sprechen, Zuhören und Reagieren stehen im Mittelpunkt des Unterrichts. Die Schüler werden dazu ermutigt, anderer Meinung zu sein, ihre Ideen zu interpretieren und zu begründen.
Das Ergebnis ist nicht nur ein besseres Verständnis von Shakespeare, sondern auch ausgeprägtere Kommunikationsfähigkeiten, die weit über den Englischunterricht hinausreichen.
Den Schülern Eigenverantwortung übertragen
Eine wesentliche Veränderung im Lehrplan ist der Übergang von der lehrergeführten Interpretation hin zur schülergeführten Erkundung.
Anstatt erklärt zu bekommen, was eine Szene bedeutet, werden die Schüler gefragt, was sie selbst davon halten. Wie sollte eine Figur dargestellt werden? Welche Entscheidungen würden sie als Regisseur treffen? Wie würden sie eine Szene anders inszenieren?
Dieses Gefühl der Eigenverantwortung verändert die Dynamik grundlegend. Die Schüler sind nicht mehr passive Lernende. Sie sind aktive Teilnehmer, die ihr eigenes Verständnis gestalten.
So sieht das in der Praxis aus
Im Unterricht kann dies eine tiefgreifende Veränderung bewirken.
Als Beispiel wurde eine Unterrichtsstunde genannt, in der Lady Macbeths Monolog behandelt wurde. Anstatt den Text an ihren Plätzen zu analysieren, bewegten sich die Schüler im Raum umher und änderten bei jedem Satzzeichen die Richtung.
Durch diese Aktivität wurde die Sprache lebendig. Die Schüler erlebten das Tempo und die Intensität der Gedanken der Figur hautnah und konnten so eine tiefere Verbindung zum Text aufbauen.
Momente wie diese fördern nicht nur das Verständnis, sondern auch das Selbstvertrauen. Die Schüler beginnen, ihren eigenen Interpretationen zu vertrauen, und setzen sich intensiver mit dem Stoff auseinander.
Lehrer unterstützen, nicht ersetzen
Der Shakespeare-Lehrplan ist eher als flexibles Instrumentarium denn als starres Rahmenwerk konzipiert.
Lehrkräfte haben Zugang zu vollständig ausgearbeiteten Unterrichtseinheiten, Probenmethoden, digitalen Stücktexten und Aufzeichnungen von Aufführungen. Gleichzeitig behalten sie die Freiheit, den Unterricht an die Bedürfnisse ihrer Schüler anzupassen und zu gestalten.
Es verkürzt die Vorbereitungszeit und verbessert gleichzeitig die Unterrichtsqualität, wodurch es einfacher wird, spannende und wirkungsvolle Unterrichtsstunden zu gestalten.
Mehr als nur eine Literaturstunde
Auch wenn dieser Ansatz seine Wurzeln in Shakespeare hat, reicht seine Wirkung weit darüber hinaus.
Die Schüler entwickeln kritisches Denken sowie Fähigkeiten zur Zusammenarbeit und Kommunikation. Sie lernen, Ideen zu formulieren, Sichtweisen zu hinterfragen und sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen.
Vor allem gewinnen sie Selbstvertrauen. Und mit diesem Selbstvertrauen geht ein Umdenken einher.
Eine neue Beziehung zu Shakespeare
Wenn man Shakespeare nicht mehr als etwas betrachtet, das es zu entschlüsseln gilt, sondern als etwas, das man erleben kann, verändert sich die Art und Weise, wie die Schüler darauf reagieren. Das Zögern schwindet und macht Platz für Neugier und ein wachsendes Selbstvertrauen.
Wenn die Schüler beginnen, sich durch Bewegung, Diskussion und darstellerisches Spiel mit dem Text auseinanderzusetzen, hören sie auf, sich Sorgen darüber zu machen, etwas falsch zu machen, und konzentrieren sich stattdessen darauf, was der Text bedeuten könnte. Sie prüfen Ideen, hinterfragen sich gegenseitig und entwickeln ihre eigenen Interpretationen.
Im Laufe der Zeit führt dieser Wandel zu etwas Bleibendem: der Bereitschaft, sich mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen, die eigene Meinung zu äußern und auf das eigene Denken zu vertrauen. Und sobald die Schüler erkennen, dass sie einen Zugang zu etwas finden können, das ihnen früher Schwierigkeiten bereitete, eröffnet dies ihnen ganz neue Perspektiven für ihr Lernen.
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